Reel Adventures: Roadmovie-Strecken nachgefahren

Klassische Roadmovie-Strecken nachgefahren

Richard Luck

Richard Luck ist Kritiker, Feuilletonist, Autor und Redakteur. Er schrieb u. a. Biographien von Leinwandlegenden wie Steve McQueen und Sam Peckinpah.
Twitter: @rmgluck2017
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Die offene Straße, der Wind im Haar, das Ziel – Selbstfindung. Ja, der Charme der Roadmovies ist leicht nachzuvollziehen. 

Obwohl es sich ursprünglich um ein amerikanisches Filmgenre handelt, wurden fantastische Roadmovies auch vor europäischer, asiatischer und australischer Kulisse gefilmt. Leider – wie im Fall der „Mad Max“-Filme von George Miller – können die Strecken oftmals nicht nachgefahren werden, da sie keinem logischen Muster folgen. Nicht dass wir Sie davon abhalten möchten, Victoria im chaotischen Zick-Zack-Kurs zu durchfahren, aber Sie würden wahrscheinlich ebenso viel für Benzin ausgeben wie für Ihr Flugticket. Es gibt jedoch Roadmovie-Strecken, die relativ einfach zu folgen sind. Also, schnappen Sie sich Ihren Proviant, machen Sie das Navigationsgerät startklar und lassen Sie den Motor an ...

„Easy Rider“

Spielt keine Rolle, aus welcher. Alle Städte sind gleich. Deshalb bin ich jetzt hier draußen ... Weil ich hier weg bin von der Stadt, und zwar sehr weit weg.

 

Obwohl Dennis Hoppers einflussreicher Film in Mexiko beginnt, empfehlen wir, die Reise zur Selbstfindung am zweiten gezeigten Ort anzutreten, nämlich dem Ende der Startbahn des Los Angeles International Airport. Von hier aus verlassen Billy (Hopper) und Wyatt (Produzent und Star Peter Fonda) Kalifornien auf dem wohl berühmtesten öffentlichen Highway der Welt, der US Route 66. Obwohl die knapp 4000 km lange Straße zwischen LA und Chicago verläuft, entscheiden sich unsere Antihelden beim Durchqueren von Arizona, nach Norden zu fahren, wodurch sie eine atmosphärische Nacht in Monument Valley genießen können. Von dort aus fahren Billy und Wyatt erneut auf die 66 und verlassen danach Oklahoma in Richtung Süden, um rechtzeitig zum Mardi Gras in New Orleans zu sein. 

Obwohl die jungen Kerle im Film das Vergnügen haben, mit dem jungen Jack Nicholson zu reisen, bietet die sonnenversengte Landschaft allein sicherlich ausreichend Gesellschaft, denn die vielen Kilometer Chaparral-Vegetation lassen die Straße nicht nur auf spektakuläre Weise offen erscheinen, sondern wecken auch Erinnerungen an viele andere Filme und Musiktitel. Apropos Musik: Zur „Easy Rider“-Straße zur Selbstfindung gehört ebenfalls ein eigener klassischer Soundtrack. Neben „Born to Be Wild“ von Steppenwolf weckt das Album mit Jimi Hendrix („If 6 Was 9“), The Band („The Weight“) und Roger McGuinn (mit einem furiosen Cover von Bob Dylans „It’s Alright, Ma“) die Abenteuer- und Lebensgeister. Der ehemalige Byrds-Frontman ist es auch, der die von Dylan komponierte „Ballad Of Easy Rider“ singt, ein Titel, der ebenso wie Hoppers Film die diffuse Ära, die so lebhaft und intensiv dargestellt wird, lang überdauert hat.

„Fluchtpunkt San Francisco“

Ein weiterer Klassiker der Gegenkultur ist Richard C. Sarafians „Fluchtpunkt San Francisco“ (1971) mit Barry Newman in der Hauptrolle. Newman spielt den Autodieb Kowalski, der wettet, ein PS-starkes Muscle-Car aus Denver (Colorado) in nur 15 Stunden nach San Francisco (Kalifornien) fahren zu können. Zu einer Zeit, als jeder gefeiert wurde, der gegen die Obrigkeit rebelliert, machte Kowalskis Auftreten ihn zu einer Art Volksheld. Aber während Robin Hoods Heldentaten von Alan A'Dale besungen wurden, wird die Geschichte unseres Draufgängers von Super Soul untermalt (Cleavon Little, bekannt aus „Der wilde wilde Westen“), einem blinden DJ, der den Polizeifunk abhört und unseren (Anti-)Helden vor geplanten Polizeiaktionen warnt. Vollgepackt bis unter das Dach mit rasanten Verfolgungsjagden und aufreizenden Motorrad fahrenden Schönheiten mutet Sarafians Film wie ein typisches Kind der 70er-Jahre an. Die gezeigte Reise hingegen ist zeitlos. Die 1400 km lange Strecke auf der Interstate 70 allein ist der Stoff, aus dem Traumfahrten gemacht sind, und führt Sie von der „Mile High City“ und den Rockies bis zur westlichen Grenze der Utah Sierras. Eine aufregende Fahrt, die an eine besonders spannende „Top Gear“-Expedition erinnert – aber seien Sie gewarnt: die Höhe kann Konzentration und Reflexe beeinträchtigen. 

Noch ein Tipp: Wenn Sie die Fahrt gerne mit etwas Musik genießen möchten, verzichten Sie auf den eher durchwachsenen Original-Soundtrack und greifen Sie lieber zu Primal Screams „Vanishing Point“. Das Album wurde teilweise vom Film inspiriert und bietet neben den enthaltenen Filmzitaten mit dem Titel „Kowalski“ einen echten Knaller.

„Withnail & I“

„Sieh mal, ein Unfallschwerpunkt! Das sind keine Unfälle! Die Menschen werfen sich freiwillig auf die Straße! Sie werfen sich auf die Straße, um alle diesem Elend zu entkommen!“

 

Zwei arbeitslose Schauspieler verbringen ein Wochenende auf dem Land – das ist im Großen und Ganzen die Handlung von Bruce Robinsons Regiedebüt „Withnail & I“ (1987). Da die Geschichte jedoch aus der Feder des BAFTA-Preisträgers und „Killing Fields“-Drehbuchautors stammt, ist ihre Abgedroschenheit eher nebensächlich. Denn „Withnail & I“ ist im Grunde ein Film über zwei sich unterhaltende Männer – und geredet wird dabei so einiges. Seien Sie froh, dass wir an dieser Stelle keine Dialoge zitieren. Werfen wir stattdessen einen Blick auf die zuvor erwähnte Spritztour, die Richard E. Grant und Paul McGann in einem klapprigen alten Jaguar vom heruntergekommenen Camden des Jahres 1969 zum seit eh und je bezaubernden Lake District führt. In Wirklichkeit ist die Reise eine Fahrt mit Traumziel. 

Dabei wird es Ihnen hoffentlich besser ergehen als den Protagonisten, deren Kurzurlaub von paarungswilligen Bullen und amourösen Onkeln verdorben wird. Auf der M6 Richtung Cumbria werden sich die meisten Kopfschmerzen auflösen. Zur berühmt-berüchtigten Crow Crag Holiday Cottage gelangen Sie, indem Sie die Autobahn bei der Anschlussstelle 40 gleich außerhalb von Penrith verlassen und dann der A6 nach Shap folgen. Crow Crag selbst liegt ein paar Kilometer weiter. Folgen Sie einfach der Beschilderung zum örtlichen Stausee. Dank eines erfolgreichen Restaurierungsprojekts befindet sich der berüchtigte Unterschlupf, der jahrelang einsturzgefährdet war, inzwischen in einem Top-Zustand. Und sollten Sie Ihre Reise bei einer Probe der weltbesten Weine begießen möchten, vergessen Sie nicht, dass der besagte Teeladen näher an Milton Keynes als an Kendal liegt.

„The Trip“


Eine Reise von London in den eiskalten Norden Großbritanniens bildet die Ausgangslage der ersten Staffel von „The Trip“ mit Steve Coogan und Rob Brydon, die sich in den Hauptrollen selbst spielen. Die BAFTA-preisgekrönte Serie, bei der Michael Winterbottom („24 Hour Party People“) Regie führte, wurde in den USA und in einigen anderen Ländern als Spielfilm gezeigt. Auch die zweite Staffel „The Trip To Italy“ (2014) wurde jenseits des Atlantiks in den Kinos gezeigt. 

Die Mischung aus Komödie und akuter Melancholie macht dieses Rob Brydon und Steve Coogan auf den Leib geschriebene Zweipersonenstück zur idealen Begleitung von „Withnail“, denn auf ihrem Weg von Piedmont nach Capri gehen unsere Helden dem Phänomen des Alterns, langweilig gewordenen Ehen und Karrierestillständen auf den Grund – ziemlich bedrückend. Aber während die Kerle klatschen und tratschen gibt es durch die Fenster ihres Minis immer wieder Schönes zu bewundern – seien es nun die Weinberge von Monforte d'Alba oder der Strand von Viareggio, ein ebenso bezaubernder wie tragikbehafteter Ort, kam hier doch der Poet Percy Shelley ums Leben. 

Da uns die Reise jedoch nach Rom, Pompeii und Revellos Villa Cimbrone (deren „Terrazzo dell’Infinito“ in John Hustons „Schach dem Teufel“ Unsterblichkeit erlangte) führt, werden uns zu viel Freuden und Sinneseindrücke geboten, um über das viel zu frühe Dahinscheiden Shelleys Trübsal blasen zu können. Selbst Brydon und Coogan haben ihren Spaß, trotz der unangenehmen Angewohnheit von Rob, Alanis Morisette zu hören, sobald er hinter dem Steuer sitzt. Weitaus erhabener ist da die Schlussszene des Films, die unerwartet edel mit Gustav Mahler untermalt ist.


„Der amerikanische Freund“


In Anbetracht des Erfolgs von „Im Lauf der Zeit“ ist es vielleicht verständlich, dass der deutsche Regisseur Wim Wenders als Meister des europäischen Roadmovies gehandelt wird. Zwar hat das zuvor genannte Werk seinen Charme, aber „Der amerikanische Freund“ (1977) folgt einer Route, die spannender und gleichzeitig komfortabler als die Motorradtour durch Westdeutschland ist. „Der amerikanische Freund“ basiert auf einem Roman von Patricia Highsmith und zeigt in der Hauptrolle (auch hier) Dennis Hopper als die bekannteste Figur der Schriftstellerin – den talentierten Tom Ripley. 

Nachdem er durch Kunstfälschungen zu Geld gelangt ist, findet sich Ripley in einem Auto mit Bruno Ganz („Der Untergang“) wieder, der hier einen unheilbar erkrankten Rahmenmacher spielt. Eine bedrückendere Gesellschaft ist wohl kaum vorstellbar, und da die Reise des Duos von Hamburg nach Paris größtenteils unter bleiernem Himmel erfolgt, kann noch nicht einmal die Aussicht auf die „Stadt der Lichter“ die Stimmung aufhellen. Aber man stelle sich vor, man würde die Reise im späten Frühling antreten, wenn beide Städte erstrahlen und die Landschaft grüner nicht sein könnte. „Malerisch“ ist ein Ausdruck, mit dem das ländliche Niedersachsen häufig beschrieben wird. Und wenn Sie 12 km südwestlich von der Hamburger Innenstadt auf die A1 fahren, können Sie nicht nur die weiten Wiesen und Wälder, sondern ebenfalls die Freiheit genießen, die Ihnen die deutschen Autobahnen in puncto Reisegeschwindigkeit bieten. Außerdem können die 900 km in 10–12 Stunden zurückgelegt werden. Wenn Sie also den Reifenspuren eines Roadmovies folgen möchten, Ihnen aber nur ein verlängertes Wochenende zur Verfügung steht, empfehlen wir Ihnen Ripleys Route.


„Rain Man“

„Das ist ein 1949 Buick Roadmaster. Straight 8. Fireball 8. Davon wurden nur 8.985 Modelle gebaut. Dad lässt mich langsam in der Auffahrt herumfahren. Aber nicht am Montag, niemals am Montag.“

Angenommen, Sie müssen in möglichst kurzer Zeit von Cincinnati (Ohio) nach Los Angeles (Kalifornien) gelangen, aber Ihr autistischer älterer Bruder, von dessen Existenz Sie gerade erst erfahren haben, möchte weder fliegen noch auf der Fernstraße reisen. Die Lösung? Sie fahren auf Amerikas Landstraßen. Barry Levinsons Megaerfolg „Rain Man“ (1988) konnte zwar vier Oscars einheimsen, von Geschwindigkeitsfreaks oder Autofanatikern wird das Drama aber wahrscheinlich keinen Preis erhalten. Wenn Sie immer schon mal die Faszination schmieriger Motels und typisch amerikanischer Diners erleben wollten, wie sie teilweise in Werken wie „Lolita“ (die Version von Kubrick wurde übrigens fast vollständig in Großbritannien und Nordirland gedreht) gefeiert wird, dann ist diese Reise genau das Richtige für Sie. 

Um den Reifenspuren von Tom Cruise und Dustin Hoffman zu folgen, fahren Sie zunächst auf der John A. Roebling Suspension Bridge über den Ohio River nach Kentucky. Anschließend legen Sie einen Stopp in Pompilio’s Restaurant an der Washington Avenue in Newport ein, um sich mit Pancakes für die bevorstehende Reise zu stärken. Danach sind Sie bereit für die eher schleppende Durchquerung des Landes, bei der Sie solch unbekannte Orte wie Silber Grove (Kentucky), Metamora (Indiana) oder El Reno (Oklahoma) kennenlernen werden. Sicherlich wenig spannend für Amerikaner. Aber wenn Sie diese Landschaft bisher nur aus Filmen kannten, werden Sie sich kaum satt sehen können. Und sollte Ihnen das Hinterland irgendwann zum Halse heraushängen, vergessen Sie nicht, dass Sie ein großes Finale in Las Vegas erwartet.


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