Eine Fahrt auf kubanische Art

Kubanische Autos führen zu seltsamen Erlebnissen. Wie die Gebäude, sind auch sie schön und tragisch, eingefroren in der Zeit, kaum verändert seit dem Ende der Revolution 1959. John Arlidge erinnert sich an eine unvergessliche Fahrt auf Kuba.

John Arlidge

John Arlidge liebt Autos. Mehr noch aber liebt er Geld. Er schreibt für die Sunday Times, die Times und das Wallpaper*-Magazin in London und für Conde Nast in New York. Er wurde als Feature Writer of the Year bei den British Press Awards 2009, 2010, 2011 und 2012 und als Business Writer of the Year 2013 nominiert und hoch gelobt. Er lebt in Westlondon zusammen mit Stephanie Flanders, früher BBC Economics Editor und jetzt Chief Market Strategist bei J P Morgan Asset Management (Europa), und ihrem gemeinsamen Sohn und ihrer gemeinsamen Tochter.

Etwas fehlt in der Villa von Ernest Hemingway in den Vororten von Havanna. Hier in diesem Haus, das nun ein Museum seines Lebens ist, finden Sie seine Bücher, Hemden, Hosen, Rumflaschen, Gläser voller heimischer Käfer, die er sammelte, und die Notizen zu seinen Leiden und Medikamenten, die er auf die Badezimmerwand schrieb. Er war ein extremer Hypochonder. Sogar sein Fischerboot, die Pillar, mit der er seinen Speerfisch angelte, liegt im Trockendock neben seinem Swimming Pool. Aber sein Auto, sein geliebtes Chrysler New Yorker-Kabrio von 1955 – ist nirgendwo zu sehen.

Ich frage Ada Rosa Alfonso Rosales, den Direktor des Museums, wo das Auto ist. „Da muss ich David Soul fragen,“ antwortet sie. „David Soul, den Schauspieler?“ frage ich. Ja, sagt sie und beginnt auf ihrem altmodischen Tischtelefon 00 1 44 208 ... zu wählen. (David Soul lebt in Highgate, Nordlondon.) Er finanzierte ein Projekt, mit dem das Kabrio gefunden und restauriert werden sollte, „da ich Hemingway, Autos und Kuba liebe,“ erzählt er mir, als Ada Rosales mir das Telefon reicht, damit ich selbst mit „Hutch“ sprechen kann.

„Kann ich es sehen?“ frage ich. „Ja, solange Sie niemandem erzählen, wo es sich befindet,“ ist seine Antwort. „Wir möchten nicht, dass jemand erfährt, wo es sich befindet, bis es restauriert ist und ins Museum gebracht werden kann.“Und so kam es, dass ich nach einer Fahrt von fünf Minuten inmitten von Hühnern und Ziegen in einem kleinen Hof am Ende eines Pfads zwischen zwei Häusern im Distrikt San Francisco de Paula von Havanna stand und das Auto von Ernest Hemingway bewunderte. Nicht, dass es viel zu bewundern gab. Es ist vom Fahrgestell aufwärts ein Wrack und die lokalen Mechaniker, die von David Soul eingestellt wurden, werden Jahre benötigen, um ihre Aufgabe zu beenden.

Kubanische Autos führen zu seltsamen Erlebnissen. Wie die Gebäude, schön und tragisch, eingefroren in der Zeit, unverändert seit dem Ende der glorreichen Revolution/der Machtübernahme durch die Kommunisten.* (*Löschen Sie einen der Begriffe entsprechend Ihrer politischen Ansichten.) Wie die Gebäude, beginnen auch sie, sich zu verändern, da das US-amerikanische Handelsembargo allmählich gelockert wird und die Castro-Brüder, die den sozialistischen Sonnenstaat seit dem Ende der Revolution 1959 führen, ein wenig mit dem Kapitalismus experimentieren, um die Finanzen der Nation etwas aufzubessern. Sie können die ganze Geschichte Kubas anhand von vier Rädern erzählen – Vergangenheit, Gegenwart und nun Zukunft.

Was hier funktioniert, wenn das das richtige Wort ist, ist die Installation einer Laterne auf der Rückseite des Beifahrersitzes, die an den Zigarettenanzünder angeschlossen ist.

Durch die Fenster des Lada, mit dem ich von der Innenstadt Havannas zur Villa von Ernest Hemingway fahre, kann ich ein Panorama der Geschichte sehen, jedes Kapitel, jedes Auto eingerahmt wie eine alte Sepia-Fotografie. Da gibt es einen Chevrolet Impala von 1952, einen hellgrünen Pontiac von 1956 mit dem komplexen Kühlergrill, einen gelben Packard, einen Desoto von 1956, ein Oldsmobile-Kabrio von 1952 und einen glänzenden Cadillac Continental. Das Leben des Diktators Fulgenico Batista mag unter den Händen von Fidel Castro und seinen Marxisten 1959 geendet haben, aber die Autos, die damals fuhren, fahren immer noch.

Als Castro 1959 an die Macht kam, gab es plötzlich neue Autos. Mein Lada teilt sich die Straße mit russischen Moskvichs und Volgas aus den 1960er-Jahren. Ich sehe jedoch auch Polskis, alte polnische Versionen von Fiats. All diese Ostblockfossilien fahren mit einer giftigen Mischung aus fossilem Treibstoff, der einen kratzigen Gestank von Armut verbreitet. Sie können die Dinosaurier darin schmecken.

Während ich sorgfältig auf die Schlaglöcher, streunenden Katzen und schwatzenden, Cigarillo-rauchenden Hausfrauen achte, bemerke ich, dass mit der neuen Öffnung nach außen die ersten modernen Autos auftauchen. Natürlich gibt es die chinesischen Geelys, Cherys, Seaic Wulings, Zhongxings und Great Walls. Kommunisten halten zusammen. Später am Tag kommen verhasste imperialistische Westwagen um die Ecke. Ein Audi A4! Ein 5er BMW! Es gibt auch das Gerücht, dass irgendjemand – niemand weiß, wer, oder wenn, dann sagt er es nicht – einen Bentley Continental besitzt. Was würde Che dazu sagen?Mit Autos kann auch wieder gehandelt werden – nach Jahren, in denen der Staat den Markt kontrollierte und Autos höheren Parteifunktionären, Militärangehörigen, marxistischen Wissenschaftlern und ähnlichen Personen vorbehalten waren. An meinem ersten Tag in Havanna beschließe ich, zu versuchen ein Auto zu kaufen, um meinen Beitrag zur wirtschaftlichen Renaissance Kubas zu leisten.Auf der Plaza de Armas treffe ich Yojan Diaz. Er ist 48, sieht aber viel älter aus. Seine Hände sind so verschrumpelt wie getrocknete Tabakblätter. Er zieht ein Hausaufgabenheft aus der Tasche und zeigt mir ein Foto eines Autos, das nur als „Frankenstein-Auto“ bezeichnet werden kann und zum Verkauf steht. Es ist in der Nähe geparkt und ich willige ein, es mir anzusehen.

Das Fahrgestell stammt von einem Austin Healey Sprite aus den 1960er-Jahren. Der Zwei-Liter-Motor stammt aus einem Lada Riva. Windschutzscheibe und Fenster sind Marke Opel, die Bremsen stammen von einem alten Audi Quattro und die Sportsitze wurden aus einem TT geholt. Das Getriebe ist aus einem SEAT, die Instrumente aus einem Daewoo und das Steuer ist eine Sparco-Fälschung, die mit der Lenksäule eines Busses verbunden ist. Die Reifen „sind japanisch. Ich weiß nicht, woher,“ sagt Yojan Diaz. Die stählernen Kotflügel stammen von einem Lada und das Markenzeichen auf der Kühlerhaube ist – na, was wohl? Ferrari (natürlich gefälscht).

Am besten gefallen mir die Lichter . Da Sie gefragt haben – Chevrolet. Sie funktionieren nicht. Natürlich. Was hier funktioniert, wenn das das richtige Wort ist, ist die Installation einer Laterne auf der Rückseite des Beifahrersitzes, die an den Zigarettenanzünder angeschlossen ist. „Es gibt viele Autos wie dieses in Kuba,“ sagt Yojan Diaz entschuldigend. „Nach der Revolution waren keine Ersatzteile zu bekommen. Wir hatten kein Geld für Importe. Also haben wir verwendet, was wir finden konnten.“

Kann ich eine Testfahrt mit dem Austin-Healey-Lada-SEAT-Audi-Chevrolet-Daewoo-Ferrari machen? „Das ist so eine Sache,“ sagt Yojan Diaz. Er vergisst, zu erwähnen, dass es ausgesprochen gefährlich ist. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 stürzte die kubanische Wirtschaft ab. Kraftstoff war so rar, dass Autofahrer ihn nicht im Tank ihres Autos ließen. Das lag teilweise daran, dass es sich niemand leisten konnte, einen Tank zu füllen, und teilweise daran, dass sie befürchteten, dass Diebe ihn absaugen würden. Daher verwendeten sie kleine Plastikflaschen, die mit Kraftstoff gefüllt waren, hängten diese an den Rückspiegel und leiteten den Kraftstoff über eine rudimentäre Leitung zum Motor. Das Auto, das Yojan Diaz zum Verkauf anbietet, verwendet noch immer dieses „Kraftstoffsicherungsverfahren“.

Unbeeindruckt vom Molotow-Cocktail im Innenraum beginnen wir an der Plaza de Armas mit der Testfahrt. Das Fahrverhalten ist, wie soll ich es beschreiben – nicht vorhanden. Es gibt nur seltsame, unvorhersagbare Bewegungen. Der Antrieb will in die eine Richtung und das Fahrgestell in die andere Richtung. Und das gilt nur für gerade Strecken. Bei der Fahrt durch die sonnenbeschienenen Kurven entsteht ein Gefühl, als ob sich gleich die Achse vom Fahrgestell lösen wird und wir die Fahrt fortsetzen, indem wir wie die Höhlenbewohner in „Wacky Races“ Pedale treten. Der Auspuff klingt, als ob ein Feuerwerkskörper in einem leeren Rumfass explodiert. Das Ganze ist hoffnungslos und wunderbar kubanisch.

„Jetzt haben wir es auf den Freeway geschafft!“ sagt Yojan Diaz stolz, als wir Havanna verlassen und auf der Hauptstraße zum Touristenressort Varadero fahren, einem Ghetto aus weißem Sand und noch weißeren Westlern, die Mojitos mit weißem Rum schlürfen.

„Freeway“ ist ein Name, der aus einem Land stammt, in dem Freiheit nur eine kurze Autofahrt entfernt ist. In Kuba gibt es jedoch keine Freiheit. Oder doch? Die Straße vor uns ist mit Sicherheit frei von den frustrierenden Momenten, mit denen Sie es in einem kapitalistischen Land zu tun haben. Es gibt keine Mittelstreifen, Mautgebühren, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Geschwindigkeitskontrollen, Verkehrspolizisten, Straßenmarkierungen, Verkehrsschilder, Straßenlaternen und auch so ziemlich keine anderen Fahrzeuge, abgesehen von den gelegentlichen, vor sich hin klappernden, maroden Traktoren.

All das gibt mir das Gefühl, frei zu sein, und so trete ich aufs Gaspedal – bei 65 Kilometern pro Stunde fühlt es sich wie eine Ewigkeit an. All das unter symphonischen karibischen Wolken, vorbei an Gruppen von unermüdlich hoffnungsvollen Langstreckenanhaltern. Alles geht gut, bis wir anhalten. Nicht absichtlich. Nicht, weil wir es müssten. Einfach weil wir stotternd gegenüber einer alten Plakatwand der kommunistischen Partei zum Halt kommen, die den Autohändler in uns daran erinnert, dass Kapitalismus „erniedrigend und der menschlichen Würde abträglich“ ist. Wir hatten vergessen, auf die Flasche mit dem Kraftstoff zu achten.

„Wo ist die nächste Tankstelle?“ frage ich. „Wir brauchen keine Tankstelle. Komm mit,“ antwortet Yojan Diaz, hakt die Flasche aus dem Rückspiegel aus und verschwindet im Gebüsch. Es ist so heiß, dass sich mein Kopf wie eine Fritteuse anfühlt und ich schwören könnte, dass ich an den Schienbeinen schwitze. Zum Glück dauert es nicht lange, bis wir ein Dorf erreichen.

„Benzin?“ fragt Yojan Diaz den alten Bauern, der schon so lange auf seinen Tabakfeldern arbeitet, dass sein Gesicht so knorrig wie eine Ingwerwurzel ist. „Wie viel brauchst du?“ fragt er, als ob dies die normalste Frage wäre, die er von jemandem in diesem Teil der Welt erwartet. Und das Beste ist, es ist die normalste Frage.

Wie wir alle möchten auch Kubaner nicht für Kraftstoff zahlen. Also stehlen sie ihn. Meistens leiten sie ihn aus den Tanks der staatlichen Busse und Lastwagen. Anschließend verkaufen sie ihn an Leute wie Yojan Diaz und mich für 6 Pesos pro Liter, verglichen mit 28 Pesos an der Tankstelle. Um einige Pesos ärmer fahren wir zurück nach Havanna. Dieses Mal nehmen wir die Malecon, die Küstenstraße der Stadt, auf der Fangio beim Grand Prix von Havanna 1958 fuhr, bevor er (für kurze Zeit) von den Rebellen gekidnappt wurde, die ein Jahr später Batista von der Macht verdrängten.

„Wie viel?“ frage ich Yojan Diaz, als er und ich klappernd zurück auf die lärmende, elegant verfallende Plaza de Armas fahren. „25.000 US-Dollar,“ sagt er. In Kuba ist das wahrscheinlich ein fairer Preis. Autos sind noch so rar, dass einige mehr als ein Haus kosten. Aber das ist für mich zu viel. Ich verzichte auf den Knochenrüttler und fahre mit meinem Lada zurück ins Hotel.

Ich fahre seit beinahe vier Jahrzehnten Auto. Ich habe am Steuer von mehr Autos gesessen, als ich mich erinnern kann. Die meisten habe ich vergessen. Aber ich werde niemals die unvorhersagbare, auf seltsame Weise wundervolle Fahrt zurück in die Zeit an diesem Sommertag auf Kuba vergessen. Und sollte ich jemals meine Meinung in Bezug auf den Kauf des Austin-Healey-Lada-SEAT-Audi-Chevrolet-Daewoo-Ferrari ändern, dann weiß ich, dass er im merkwürdigsten Autoland der Welt immer noch auf den Straßen unterwegs sein wird. Es ist die kubanische Art.

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